| Die Skisprung-Trainer (2) |
|
|
|
Reinhard Heß war der Übervater, der wahrscheinlich erfolgreichste Skisprung-Trainer der Welt. Unter seiner Regie wurde Skispringen in Deutschland so populär wie nie zuvor. Ewald Roscher, Alois Gorjanc, Helmut Kurz, Rudi Tusch, Wolfgang Steiert, Peter Rohwein und jetzt erstmals mit dem Kleinwalsertaler Werner Schuster ein Ausländer waren bzw. sind für die deutschen Adler verantwortlich. Deutsche Trainer sind auch im Ausland gefragt. Wie Jochen Danneberg, Wolfgang Steiert, Joachim Winterlich, Marc Nölke oder Wolfgang Hartmann. Von ihnen, aber auch von Mika Kojonkoski, Kari Ylanttila, Tommi Nikunen, Hannu Lepistö, Sepp Bradl, Toni Innauer, Alexander Pointner, Vasja Bajc und vielen anderen großen Namen und bunten Typen berichtet diese Serie mit vielen netten Anekdoten. Zapfenstreich überzogen – Hände an die Hosennaht Die deutschen Skispringer wissen heute einen stattlichen Trainer- und Betreuerstab bei den Lehrgängen des Deutschen Ski-Verbandes, in den Stützpunkten und bei ihren Vereinen an ihrer Seite. Das war nicht immer so. Beispiel: Oswald Schinze. Der bisher einzige „echte“ Willinger Schanzenhüpfer, der es bis in die Nationalmannschaft geschafft hat („Ich hoffe stark, dass Stephan Leyhe bald mein Nachfolger wird“) begann als Alleinunterhalter. Als sein Arbeitgeber, die Polizei, Sportler für die Polizeischule in Wuppertal suchte, meldete sich der Upländer als Skispringer und fand Aufnahme neben Leichtathleten wie Manfred Kinder, Schwimmern und Kampfsportlern. „Zum Training wurde ich von Fahrschülern nach Meinerzhagen und zurück gefahren. Das war praktisch, damit waren auch die beschäftigt“, berichtet der spätere nordische Cheftrainer des Hessischen Ski-Verbandes, der in dieser Aufgabe u.a. mit den Langlauf-Klassikern Karin Jäger und Jochen Behle sowie dem skispringenden Kombinierer Dirk Kramer, der auch an der Vierschanzentournee teilnahm, seine größten Erfolge feierte und diese nach Olympia führte. Im Sauerland schaute sich der aktive Sportler Schinze ohne Coach damals einiges von den dort trainierenden Springern ab und lenkte so auch das Interesse von Bundestrainer Ewald Roscher auf sich, als er an einem Matten-Trainingsspringen teilnahm und hinter Georg Thoma punktgleich mit Edi Reicherts Platz zwei belegte. Der Skisprung-Professor aus Baden-Baden holte Schinze in den Kader, der 1963/64 auch an der Ausscheidung für die gesamtdeutsche Olympiamannschaft mit der damaligen SBZ (später DDR) teilnahm. Malermeister Roscher war von 1960 bis 1968 Bundestrainer, wechselte danach in die Schweiz und sammelte Erfolge mit „Vogelmensch“ Walter Steiner und Hans Schmid. 1980 kehrte er nach Deutschland zurück, nachdem bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid Helmut Kurz mit nur einem Springer in das Gefängnis eingezogen war, das als olympisches Dorf diente. Das große Problem: Kurz und der Oberstdorfer Peter Leitner hatten sich nichts mehr zu sagen, eine andere Auffassung von ihrem Sport und sprachen kaum noch ein Wort miteinander. Als Kurz, anders als die Springer, Langläufer oder Kombinierer auch noch vergessen hatte, einem einflussreichen nordischen Fachjournalisten die übliche Flasche Whisky – natürlich gegen Bezahlung - aus dem Duty Free am Flughafen mitzubringen, gab dieser Kurz zum Abschuss in den Medien frei. Roscher fand unterdessen mit dem Schwarzwälder Feuerkopf Dieter Thoma einen Musterschüler und es ging langsam wieder aufwärts mit den deutschen Schanzenhüpfern. Auch die späteren Bundestrainer Rudi Tusch oder Peter Rohwein trainierten ebenso wie der heutige Kombi-Coach Andreas Bauer unter Roscher. In der damaligen DDR feierte parallel Joachim Winterlich Erfolge nicht nur mit Olympiaseiger Jens Weißflog. In der Zwischenzeit, als Roscher noch in der Schweiz war, hatte sich auch Alois Gorjanc aus Jugoslawien redlich bemüht, den deutschen „Adlern“ auf die Sprünge zu helfen, die bei den Olympia-Nominierungen keine automatischen Freikarten lösen konnten und sogar zuschauen mussten. Trotz der Vierschanzentournee zur Jahreswende war Skispringen eher eine Randsportart. „Roscher und Gorjanc waren menschlich schwer in Ordnung und auch fachlich gut aufgestellt. Vielleicht waren sie beide etwas zu gutmütig“, sagt Oswald Schinze heute. Und der Pensions-Betreiber und Taubenzüchter im Stryck erinnert sich besonders gern an folgende Anekdote. In den 60iger Jahren bekamen die Skispringer bei einem Lehrgang in Meinerzhagen frei für einen Ausflug zum Dortmunder Sechstagerennen. Zapfenstreich sollte um Mitternacht sein. „Doch die Sixdays und das übliche Rahmenprogramm haben uns so in den Bann gezogen, dass wir erst am frühen Morgen zurück waren, das Frühstück verpassten und uns mit mächtigem Bammel bei Roscher zum Training zurückmeldeten.“ Schinze hatte allerdings einen konkreten Plan, um der Standpauke vielleicht doch noch zu entgehen. Er pokerte hoch. „Wir sind damals noch mit nach vorn gestreckten Händen gesprungen. Ich habe die Hände an die Hosennaht gelegt und mit einem Supersatz den Trainer und die Kollegen überrascht. Unser nächtlicher Ausflug war plötzlich kein Thema mehr, dafür aber die ohnehin bereits diskutierte und probierte neue Stilart.“ Eine Revolution, die später vom V-Stil noch getoppt werden sollte, der die Hackordnung im Skispringen kräftig durcheinander wirbelte. Auf Roscher folgte Rudi Tusch, den Reinhard Heß ablöste, unter dessen Egide und mit Hilfe von RTL die große Zeit des Skispringens mit dem Hipe um Martin Schmitt und Sven Hannawald begann. Dessen Assistent Wolfgang Steiert wagte die Revolution und verlor. Auch Peter Rohwein scheiterte. Jetzt soll es der Kleinwalsertaler Werner Schuster richten. Der spricht von einem Traumjob. Dazu demnächst mehr. |

















